Die Entdeckung der Nazis

cache/images/article_1893_fm_emblog3_140.jpg Rechte Parolen, Marken und Gesänge und das unter Fans der deutschen Nationalmannschaft. Was eigentlich keine große Neuigkeit sein sollte, sorgt für große Überraschung. Obwohl die Situation unter der deutschen Anhängerschaft heute wesentlich besser ist als noch vor 15 Jahren, ist genaues Hinhören und Hinschauen gefragt. Auch bei den Medien.
Nicole Selmer aus Gdansk | 25.06.2012

Florian Schubert, der zum Thema Antisemitismus im Fußball forscht, hat auf dem Blog publikative.org* seine Beobachtungen vom Spiel gegen Dänemark (edit: gegen Portugal; mein Fehler, Anm. der Autorin) in Lwiw zusammengestellt und mit Fotos dokumentiert. Der Artikel fand auch abseits der hohen Zugriffszahlen große Beachtung und diente als Grundlage für weitere Texte auch in Tageszeitungen. Das Echo auf den Artikel überraschte auch die Blogbetreiber, die mit »Breaking News: Auch Nazis halten zu Schland« samt zahlreicher Videolinks von Länderspielen der letzten Jahre reagierten.


Die aufgelisteten Beispiele entstammen nicht geheimen oder schwer zugänglichen Quellen, sondern youtube und im Fall von Florian Schuberts Text eigenen Beobachtungen. Dennoch scheinen sie mit dem spätestens seit 2006 liebgewonnenen Bild der deutschen Fangemeinde stark zu brechen, wie die Reaktionen und kontroversen Kommentare zeigen. Es sind zwei einfache Wahrheiten, aber offenbar für manche zu viel: Nicht alle Deutschland-Fans sind Rechtsradikale und Rassisten, aber deutsche Rechtsradikale und Rassisten sind auch Deutschland-Fans. In der Innenstadt von Lwiw haben die Thor-Steinar-Klamotten, 88-Trikots oder gar Hitlergrüße keineswegs das Bild geprägt, aber es gab sie eben auch. Beim Viertelfinale in Gdansk (wo ich wie in Lwiw selbst auch in der Stadt, allerdings nicht im Stadion) war, sah es ähnlich aus, wobei der Anteil der »bei Rechtsextremen beliebten« Marken wie die juristisch sichere Wendung lautet hier noch etwas größer gewesen sein dürfte.


Die Arbeit der Journalisten
Ein zentraler Satz in Schuberts Text lautet »Kaum etwas von diesen Erlebnissen taucht in der Berichterstattung über die Spiele der deutschen Nationalmannschaft auf«. Da darf schon einmal gefragt werden: Warum eigentlich nicht? Warum werden diese Beobachtungen auf einem nichtkommerziellen Blog von einem Autor veröffentlicht, der damit kein Geld verdient? Dafür nötig gewesen wäre keine aufwendige Recherche im Nazimilieu, keine wochenlange investigative journalistische Basisarbeit. Es hätte vollauf gereicht, sich mit offenen Augen und Ohren auf den Marktplatz von Lwiw zu setzen oder durch die Altstadt von Gdansk zu gehen. Wohl kaum zu viel verlangt. Auch diese Beobachtung wäre dann zu machen: Die für den aufmerksamen Blick durch Kleidung oder Parolen als rechtsradikal erkennbaren Fans verstecken sich nicht, sie sind als Einzelpersonen oder kleine Grüppchen dort präsent, wo auch die anderen Fans mit ihren lustigen Hüten und bunten Perücken sind. Denn sie sind eben auch genau das: Fans. Von Deutschland.


Es ist diese Vermischung von »bösen« und »guten« Deutschland-Fans, die offenbar für Irritation sorgt. Auch der vermeintlich harmlose Partypatriotismus lässt sich kritisch betrachten, seine Reduktion auf fröhlichen Karnevalsupport ohne jede politische oder gar chauvinistische Anklänge ist mittlerweile von verschiedenen Seiten (publikative.org, Zeit, Süddeutsche) zurechtgerückt worden. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass ein großer Unterschied besteht zwischen Nazi-Hools, die gerne zu Deutschland-Spielen fahren, und buntperückten »Schland«-Fans, die das auch tun, aber keineswegs einer rechtsextremen Gruppierung und Gesinnung zuzuordnen sind. Ebenfalls festzuhalten ist, dass über die vergangenen zwei Jahrzehnte die Anzahl der ersten Gruppe ab- und die der letzten Gruppe zugenommen hat das ist die glaubwürdige Einschätzung etwa der Fanprojektmitarbeiter, die auch Länderspiele und Turniere in dieser Zeit begleitet haben.

Rechtes Augenzwinkern
Es besteht also nicht mehr Anlass für Nazialarm in der Fankurve der deutschen Nationalmannschaft als vor 15 Jahren, sondern wenn dann eher weniger. Mehr Anlass hingegen scheint für aufmerksames Hinschauen und Hinhören zu bestehen, von Journalisten, Fanprojekten, Verband und Fans selbst. Im Fokus der Debatten steht bei dieser EM beispielsweise das »Mexico-Lied« der »Böhsen Onkelz«, das im deutschen Block gerne angestimmt und dann auch gerne gesungen wird. Über die »Böhsen Onkelsz« lassen sich hervorragend seitenlange Debatten im Internet und außerhalb führen. Ein Gerichtsurteil von 2001  erlaubt der taz, sie mit dem Ausdruck »berüchtigte rechtsradikale Band« zu bezeichnen; die Musik ist in Fußballfanszenen populär. Wenn das »Mexico-Lied« zur WM 1986 bei der Europameisterschaft 2012 im deutschen Fanblock angestimmt wird, dann hat dies mehrfache Bedeutungen: Für viele Fans ist es nur ein Partyschlager, den sie womöglich auch gerade zum ersten Mal hören oder singen. Warum dieser, obwohl er sich für eine EM nicht einmal am richtigen Kontinent abarbeitet, aktuell dennoch attraktiver zu sein scheint als andere, ist eine interessante Frage und sicher nicht einfach zu klären. Zum Bedeutungsspektrum gehört jedoch auch, dass der Song auch als Erkennungszeichen fungiert für diejenigen, die die Geschichte der Band kennen, die sich auf eine Verbindung von Fußball, Alkohol, Gewalt und Nationalismus verständigen können. Ähnlich fungiert die Präsenz bestimmter Marken und Symbole im Fanblock (nicht nur bei der Nationalmannschaft): Nicht alle, die sie tragen, sind sich über die Bedeutung im Klaren mancher Fan ist eben einfach 1988 geboren aber denen, die Bescheid wissen, ist es ein Augenzwinkern wert.


Viel diskutiert waren bei dieser EM schließlich auch die »Sieg, Sieg«-Rufe: Ja, die gab es »schon immer« auch bei Spielen in Ländern, die im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung standen. Das darf sich auch der deutsche Innenminister merken und hätte sich die plötzliche tagesrhetorische Empörung darüber schenken können. Aber diese Rufe, die auch in den Fankurven in der Liga zu hören sind, sind auch dort schon häufig genug auf Kritik gestoßen, und das Argument »Haben wir früher auch gemacht« war noch nie ein gutes. Sie spiegeln die sportliche Wettkampflogik, die nur »Sieg oder Niederlage«, »Wir oder die« kennt, und auch die große Mehrzahl der Fans fügt weder hörbar noch unhörbar ein »Heil« hinzu, dennoch ist dieser historische Beiklang nun einmal vorhanden. Und für die (wenigen) Nazis in der Kurve egal ob Liga oder Nationalmannschaft Anlass für ein weiteres rechtes Augenzwinkern. Hier wäre die in Fanszenen ja reichlich vorhandene Kreativität gefragt, schlicht etwas anderes zu rufen. Als Beitrag einer Mannschaft ging bereits der Umgang des SC Freiburg bzw. seines damaligen Trainers Volker Finke mit den »Sieg«-Rufen in den 1990er Jahren durchs Web. Die simple Lösung lautete: Das Sieg-Gegröle hört auf oder die Mannschaft kommt nicht mehr vor die Kurve.

* Nicole Selmer publiziert selbst regelmäßig auf publikative.org

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