Der Schattenmann

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Am 11. August hat der italienische Fußballverband mit Carlo Tavecchio einen neuen Präsidenten gewählt. Eine fatale Entscheidung, wie unser Italien-Korrespondent Matteo Patrono schreibt. 

Matteo Patrono | 21.08.2014

Dein Fußball ist veraltet, langweilig, gewalttätig und rassistisch, also kurz gesagt widerwärtig. Er braucht dringend revolutionäre Ideen. Wem traust du zu, den Karren aus dem Dreck zu ziehen?

Italiens Antwort lautet: Carlo Tavecchio, ein 77-jähriger ehemaliger Buchhalter und Bürgermeister der Democrazia Cristiana. Seit 11. August ist er der neue Verbandschef. Tavecchio leitet seit 15 Jahren den italienischen Amateurfußball, er war bis zu seinem grotesken Auftritt praktisch unbekannt. "Opti Poba hat früher Bananen gegessen, jetzt spielt er bei der Lazio", sagte er Ende Juli. Er habe kritisieren wollen, dass es zu viele unbekannte ausländische Spieler in Italien gäbe, rechtfertigte Tavecchio sich später. In jedem zivilisierten Land wäre ein solcher rassistischer Ausfall einem politischen Selbstmord gleichgekommen. Doch wir sind das Land Berlusconis, wo eine schwarze Ministerin im Parlament als Orang-Utan bezeichnet werden kann. Das Land, das den einzig wahren Popstar seines Fußballs nicht schätzt: Mario Balotelli könnte ein multikulturelles Symbol sein, doch er wird seit Kindestagen im Stadion rassistisch beschimpft.

Der italienische Fußball sucht sich lieber andere Symbole, so wie Carlo Tavecchio. Dabei ist er nur ein Schattenmann in den Händen der starken Mächte, die den Status quo aufrechterhalten wollen. Er ist allen recht, weil er es mit kleinen Gefälligkeiten allen recht machen kann. Er ist der Triumph der Kontinuität.

Das Problem ist natürlich nicht Tavecchio. Das Problem sind diejenigen, die ihn an den Thron gehievt haben: Milan-Geschäftsführer Adriano Galliani und Lazio-Präsident Claudio Lotito haben ihn gegen den Widerstand von Juventus und Roma durchgesetzt. Sie haben Tavecchio vor dem öffentlichen Druck geschützt. Als sich Spieler wie Giorgio Chiellini und Daniele De Rossi kritisch über Tavecchio äußerten, sagte Lotito: "Die Spieler sollen an die Millionen denken, die sie verdienen, und sich nicht in die Wahl eines Verbandspräsidenten einmischen." Leute, die solche Sätze sagen, sind die Architekten des neuen italienischen Fußballs. Es ist zum Weinen.

Matteo Patrono ist freier Sportjournalist in Rom. 

Referenzen:

Heft: 94
Rubrik: Wir rufen
Thema: Italien, Rassismus
ballesterer # 112

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