Ankunft im Morgengrauen

In wenigen Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Für den ballesterer wird unser bewährter Korrespondent Robert Florencio berichten. Seine ersten Stunden in Brasilien stehen allerdings im Zeichen von düsterer Vergangenheit und Gegenwart.

Wenn man innerhalb von drei Jahren vom dritten Sportevent am selben Ort berichtet, könnten sich beim einen oder anderen gewisse Sättigungserscheinungen einstellen. Doch es war der Wunsch der damaligen brasilianischen Regierung der Welt zu zeigen „Ja, wir haben es geschafft, uns aus den Fesseln der Unterentwicklung befreit und sind eine aufstrebende Wirtschaftsmacht mit einer jungen, optimistischen und sportbegeisterten Bevölkerung.“ Wie besser ließe sich dies kundtun als mit der Veranstaltung der größten Sportereignisse der Welt. Die internationalen Sportverbände, die schon vor zehn Jahren mit der zunehmenden Widerwilligkeit der Bevölkerung in westlichen Ländern konfrontiert waren, sich den strikten Vorgaben bei der Veranstaltung solcher Wettkämpfe zu beugen, nahmen das Angebot aus Südamerika freudig an. Doch die Proteste der Bevölkerung begleiteten Confed-Cup und WM und nun wohl auch die Olympischen Spiele. Wohl nicht wenige Funktionäre können es kaum erwarten, dass alle Turniere der näheren Zukunft ausschließlich in Ländern stattfinden, in denen dank der mehr oder weniger autoritären Regierungen mit solcher Kritik nicht zu rechnen ist.

Ein E-Mail der olympiakritischen Organisation „Nosso Jogo“, in dem alle Protestveranstaltungen in Rio unmittelbar vor der Eröffnungszeremonie detailliert angeführt werden, erreicht mich noch vor meiner Abreise. Bei meiner Ankunft in Sao Paulo, wo zehn Spiele des Olympischen Fußballturniers ausgetragen werden, ist jedoch weder von Proteststimmung noch Vorfreude etwas zu bemerken. Dank Akkreditierung werde ich bei der Passkontrolle auf eine Fast Lane vorgelassen und ebenso wie die kleine Delegation aus irakischen Offiziellen und Sportlern sehr zügig abgefertigt. Im Stadtzentrum dann business as usual. Es ist 7.30 Uhr in der Früh und schon wird man knallhart mit der Tristesse und den Problemen einer Megacity konfrontiert. Ein Polizeiauto versperrt den Weg zum Hotel. Bei näherem Hinsehen erkenne ich einen Leichensack, die Polizisten warten offensichtlich auf den Abtransport. Im Hotel wird mir mitgeteilt, dass es sich um einen der zahlreichen obdachlosen Cracksüchtigen handeln dürfte, der die Nacht nicht überlebt hat. Fast zynisch erscheint dann der Bericht im TV-Sender des evangelikalen Unternehmers Edir Macedo, der den Obdachlosen am Vorplatz des Doms mit der Public-Viewing-Darbietung seiner Bibelnovela „Die 10 Gebote“ angeblich große Freude bereitet habe. Von anderweitigen, praktischen Hilfsmaßnahmen wird nichts bekannt gegeben. Macedos Kanal besitzt auch die Ausstrahlungsrechte für Olympia und neben der Vorberichterstattung wird fleißig Werbung für seine Universalkirche Gottes ausgestrahlt. Unwillkürlich kommen mir die Olympischen Spiele 1936, die heute vor 80 Jahren eröffnet wurden, in den Sinn.

Olympische Fackel in Wien
Eine weitere Reminiszenz an die Spiele von Berlin kommt dann ziemlich unvermutet bei einem Wiedersehensbesuch im Fußballmuseum des städtischen Pacaembu-Stadions auf. Das Museum ist architektonisch perfekt in den Bauch des 1940 in Anlehnung an das Berliner Olympiastadion gebaute Estadio Municipal Paulo Machado de Carvalho eingegliedert. Es wartet heute neben freiem Eintritt auch mit einer Olympiasonderausstellung auf, in der die Teilnahmen der brasilianischen Mannschaften filmisch aufbereitet werden und die Plakate aller Sommerspiele im Laufe der Zeit gegenübergestellt sind. Eine Plakatreplika sticht mir besonders ins Auge: „Fackelempfang am Wiener Heldenplatz am 29.Juli 1936“ steht da in der typischen nationalsozialistischen Ästhetik. Drei Tage also vor der Eröffnung der Spiele war die Fackel in der Hauptstadt eines anderen Landes. Diese Tatsache war mir bis dato nicht bekannt, und ich stelle mir die Frage, ob sie den damaligen kritischen Geistern nicht auch zu denken gab. Zurück im Hier und Heute bemerke ich, dass die hauptsächlich einheimischen Besucher sich vor allem für die Geschichte des brasilianischen Fußballs und die Berichte zu den Weltmeisterschaften interessieren. Besonders der erst kürzlich fertiggestellte Bereich zur WM 2014 und die Aufbereitung der 1:7-Niederlage gegen das deutsche Team im Semifinale zieht viele an. Das „Gol da Alemanha“ des Sportreporters Galvao Bueno ist ständig zu hören – die Wendung ist mittlerweile als Bezeichnung für eine besonders bittere Situation der Unterlegenheit in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Fast scheint es, als würde so mancher Besucher seine persönliche Lebenslage in dem unvergesslichen Spiel wiedergefunden haben.

Zurück am Weg ins Hotel komme ich am Ende des Tags aus der Sporthistorie wieder in der harten Realität an. An einer dunklen Straßenecke zündet sich gerade ein Mann eine Crackpfeife an. Sein Nachbar springt, als er mich sieht, auf und läuft weg. Hat er mich mit einem vermeintlichen Missionar verwechselt oder war sein Blick vom Drogenkonsum schon getrübt und er hat mich für einen Polizisten gehalten? Etwas erschreckt und nachdenklich beende ich meinen ersten Tag im Brasilien des Jahres 2016. 

Referenzen:

Rubrik: Olympia-Blog
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png