Ein anderer schimpfte aus Hamburg: »Flennt doch rum! Die Rächer Beckenbauers werden euch schon noch kriegen! Flüchten – geht doch gar nicht! Ihr wollt doch auch nur Karten! Macht euch nix vor – schießt ein Tor!« Wenn eine E-Mail schreien könnte, schrie ein gewisser »Klopper«: »Du bist einfach nur billig. Gib dein' Pass ab und bleib da wo der Pfeffer wächst.«
Wolltest du entspannen vom »entspannten Nationalismus«, reagierten viele überhaupt nicht entspannt. Sie konstruierten eine Bedrohung, gar einen Feind aus jemandem, der einfach nur nicht mitmachen und seine Ruhe haben wollte. Man musste ihn als Miesmacher und Spielverderber brandmarken, obwohl man ihn getrost hätten ignorieren können. Fefczak erfuhr, dass jeder Nationalismus ausgrenzende Beißreflexe birgt und das Geschwätz vom Schmusepatriotismus in der Praxis nicht mehr ist, als eine euphemistische Wunschhalluzination.
Nun, zur bereits mit Volldampf laufenden EM in Österreich und der Schweiz, gönnt sich Fefczak eine einfachere Aufgabe: Flucht ins Fanexil, nach Großbritannien. Dorthin, wo Fußball trotz gnadenloser Kommerzialisierung mit Publikumsaustausch und voran geschrittener Zerstörung der Fankultur noch immer eine große Rolle spielt. Dorthin, wo sich kein Team zur EM 2008 qualifiziert hat.
Unter diesen Umständen hat es Fefczak sich zur Aufgabe gemacht, das Verhalten fußballaffiner Briten im vielzitierten »Mutterland« des modernen Fußballs zu beobachten. Wie erleben sie die EM? Wird ein Team zum Ersatzjubeln adoptiert? Wie reagieren Fefczaks schottische Freunde, die sich ansonsten treffen, um »gegen England« zu gucken? Wie reagiert die Merchandising-Branche? Wie berichten die britischen Medien?
Auf der Durchreise in Rottingdean, Sussex belauscht Fefczak einige Tresenverweser im »White Horse«-Pub. Sie stöbern in alten Zeitungen und reden über Österreich, »the country of dungeons«. Eine Anspielung auf die Verließe von Natascha Kampusch und Familie Fritzl. Sie witzeln, wie viele der jährlich verschwindenden Briten wohl in irgendwelchen österreichischen Kellern verfaulen. Und ob zur Befreiung britischer Bürger aus österreichischen Kellern Bodentruppen gerechtfertigt seien.
In England, wo in manchen Regionen dank CCTV die Autofahrten der letzten drei Jahre zurückverfolgt werden können, wo Kameras in Mülltonnen eingepflanzt werden, um zu überprüfen ob nicht jemand seinen Abfall falsch entsorgt oder gar ein Hausfremder seinen Beutel platziert, wo sprechende Kameras getestet werden, um das Verhalten von Passanten zu »korrigieren«, hat man leicht reden. Hier, wo ein U-Bahn-Kunde einfach erschossen wurde, als er sich »auffällig« verhielt, wäre Fritzl nicht möglich, meinen sie.
Und dann merken sie, dass Fefczak nicht von hier ist. »Bist du Österreicher?« Eine brenzlige Situation. Doch Fefczak, den Transsylvanier mit deutschem Pass, klopfen sie drei ausgegebene Biere lang nur für sein Deutsch sein auf die Schulter. Wie toll die doch aus Hitler und Holocaust gelernt haben, wie super doch die WM 2006 gelaufen ist. Außerdem war ja nicht alles verkehrt, was dieser Hitler da so getan hätte. Richtig mitgefiebert hätten sie vor einigen Tagen beim 2:0 des DFB-Teams gegen Polen. »Jetzt, wo wir Engländer selbst nicht dabei sind, können wir hemmungslos stolz auf Deutschland sein.« Na dann mal: »Cheers, mates!«
Gerd Dembowski ist Autor des Buches »Fußball vs. Countrymusik. Essays, Satiren, Antifolk« (Papyrossaverlag 2007, 12,90 EUR)






erscheint am 6. Oktober 2010.
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