Wenn sich der Spaß aufhört

img_2786.jpg Die großen Public-Viewing-Plätze sind auch in Deutschland voll mit halblustigen Eventfans und besoffenen Hurrapatrioten. Ein Lokalaugenschein aus Hamburg.
Carsten Germann | 10.06.2008
Sankt Pauli am Sonntagnachmittag. Ein koreanischer Restaurantpächter reinigt unweit des Heiligengeistfelds mit fernöstlicher Präzision den Gehsteig und seine Blumenkübel. Über Fußball will er nicht sprechen. Und geöffnet hätte er heute auch nicht, gibt er gestenreich zu verstehen. Während seine Kollegen aus Italien und Griechenland auf der Feldstraße, unweit von Hamburgs Fan- und Partymeile zur EM, auf den Ansturm der deutschen Fans zum Spiel gegen Polen warten, hat der Mann aus Korea die Ruhe weg. Wenigstens einer, der in diesem Trubel besonnen bleibt.

Ballermann im Deutschland-Zelt

Und kaum hat man das Heiligengeistfeld betreten, mag man den Fußball-Laien aus Fernost fast beneiden. Denn rund um das große »Deutschland-Zelt« herrscht eine Stimmung wie am Ballermann auf Mallorca. Eine kurzerhand eingeleitete Telefonkonferenz ergibt, dass es in anderen deutschen Großstädten mit Public Viewing genauso zugeht.

Aus den Lautsprechern dröhnen komplett sinnfreie Lieder wie »Du hast die Haare schön« oder »Ich bin ein Döner« von Tim Toupet. Der eilig zur EM produzierte Musik-Schrott wird komplett heruntergespielt. Von Oliver Pochers peinlicher Coverversion »Bringt ihn heim« – das Original von Baschi war 2006 die WM-Hymne der Schweiz - bis zum unsäglichen »Adler auf der Brust« von der Partyband Lollies ist so ziemlich jeder Trash-Song vertreten. Man sehnt sich nach asiatischer Gelassenheit. Denn wer nicht mitmacht, wird unsanft zur Seite gerempelt. Wenn es ums Feiern geht, hört sich bei vielen Deutschen bekanntlich der Spaß auf.

Kein Platz für Spaßbremsen

»Deutschland hat noch nie gegen Polen verloren und wird es auch dieses Mal nicht tun«, ist Fußballfan Simon Blömer vor dem Anpfiff sicher. Außer ihm vertrauen mehr als 40.000 deutsche Anhänger der Statistik und kurz vor 20 Uhr melden die Veranstalter auf der Hamburger Fanmeile »ausverkauft«. Im Vorprogramm des Norddeutschen Rundfunks findet sich mit dem Auftritt der Band Revolverheld und ihrem Lied »Helden 2008« der einzig halbwegs brauchbare EM-Hit. Das ist doch was.

Immerhin hält auch das Spiel, was es verspricht. Mit einem 2:0 über Polen kommen die Deutschen erstmals seit dem EM-Finale 1996 gegen Tschechien (2:1 n. V.) wieder zu einem Dreier. Beim Feiern hält man sich jetzt an bewährtes Liedgut wie »Oh, wie ist das schön«, ehe sich die Fanmassen nach Abpfiff Richtung Reeperbahn wälzen. Die Meile war schon bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 das Epizentrum der Hamburger Fußballbegeisterung. Bis die letzten schwarz-rot-goldenen Fahnenschwenker zu Hause sind, ist es 4.00 Uhr früh. Für den schweigsamen Koreaner an der Fanmeile bleibt nur wenig Zeit zum Saubermachen: Denn am nächsten Vormittag kommt schon die nächste Fanfraktion.

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Rubrik: EM Tagebuch

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