Der letzte Romantiker

SCHÖNGEIST Dragoslav Sekularac war der erste Superstar des jugoslawischen Fußballs. »Seki« begeisterte das Publikum durch sein elegantes Spiel und schockte es durch folgenschwere Ausraster. Ein Exzentriker, der bis heute als Genie verehrt wird – nicht nur in Belgrad.
Carsten Germann | 13.05.2008
Es ist Winter in Kanada. Die Plakate im Presseraum des Centennial Stadium im West End von Toronto versprechen Großes. »Legend – Dragoslav Šekularac – Seki« ist darauf zu lesen. Eine Fußball-Legende ist an diesem 23. Februar 2006 in der Stadt. Wie sehr man beim neu gegründeten Klub Serbian White Eagles bemüht ist, den Mann, der einst in einem Atemzug mit Pelé und Eusebio genannt wurde, gebührend zu begrüßen, verdeutlicht ein anderes Detail. Der Fotograf Boris Spremo hat mit überlebensgroßen Aktionsfotos aus Šekularacs Glanzzeiten für die richtige Dekoration gesorgt. 

Der in Ehren ergraute Šekularac, der im Rahmen einer Pressekonferenz als neuer Trainer der Serbian White Eagles vorgestellt wird, beobachtet still, wie ein Verbandsfunktionär die Aufnahme des Klubs in die Canadian Soccer League vollzieht. Dass die Eagles an diesem Tag nach fast 30 Jahren in die höchste kanadische Spielklasse aufgenommen werden, gerät angesichts des berühmten Gasts aus Serbien beinahe in den Hintergrund. Selbst bei schlichten Sätzen Šekularacs (»Wir wollen schauen, was die Zukunft bringt«) hängen die begeisterten Fans und die anwesenden Journalisten dem einstigen Weltklasse-Mittelfeldspieler an seinen Lippen. Denn Dragoslav Šekularac, das erste enfant terrible des jugoslawischen Fußballs, ist eine Legende mit Strahlkraft.

 

»Onkel Mitke« sieht klar


Die offizielle Internetseite Serbiens (www.serbia-info.com) würdigte Šekularac im Januar 2000 in einem historischen Artikel als den »letzten Romantiker des jugoslawischen Fußballs«. Ein Naturtalent, das sich auf dem Balkan schnell den Spitznamen »Pelé Europas« erworben hatte. Geboren am 30. November 1937 in Stip im heutigen Mazedonien, wird Šekularac auf dem Schulhof von Dimitrije Milojević, dem legendären Chefscout von Roter Stern, entdeckt. »Onkel Mitke« Milojević merkt sofort, dass es sich bei »Seki« um einen Jungen handelt, der das Zeug zum Weltstar hat. 

Die Schule interessiert Šekularac nur am Rande, er will so schnell wie möglich Profi werden. Bereits mit 17 holt ihn Coach Misa Pavić im März 1955 in die erste Mannschaft von Roter Stern. Für Crvena Zvezda spielt Šekularac zwischen 1948 und 1964 insgesamt 375 Mal (119 Tore) und holt mit dem Klub fünf Mal die jugoslawische Meisterschaft. Am 30. September 1956 debütiert er beim 1:2 gegen die Tschechoslowakei in Belgrad für die jugoslawische A-Nationalmannschaft, nachdem er zuvor bei Olympia in Melbourne die Silbermedaille gewonnen hat. Ein Reporter soll dem damaligen Nationaltrainer Aleksandar Tiranić vor dem Debüt sogar gedroht haben, ihn im Falle einer Nichtnominierung Šekularacs »eigenhändig zu erschießen«.


Gala-Auftritte gegen England und Deutschland


Šekularac verzückt die Fans – nicht nur auf dem Balkan. Zusammen mit Milos Milutinović und Todor Veselinović entfacht er den Sturmwirbel, in dem England am 11. Mai 1958 in Belgrad mit 0:5 untergeht. Doch in den Jubel um Šekularacs elegantes Spiel mischt sich schon früh Empörung über seine Unbeherrschtheit. Im Jahr 1960 erhält der frisch gebackene Vize-Europameister seine erste längere Sperre, weil er einem Gegenspieler das Bein gebrochen hat. 

Seinen größten Auftritt hat Šekularac mit dem jugoslawischen Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 1962 in Chile. Der Ballkünstler nutzt das nicht eben mit großen Persönlichkeiten gesegnete Turnier für Werbung in eigener Sache. Jugoslawien schlägt in der Gruppenphase Uruguay (2:0) und Kolumbien (5:0) und trifft im Viertelfinale am 10. Juni 1962 in Santiago de Chile zum dritten Mal in Folge bei einer WM auf Deutschland. Dribbler Šekularac läuft zur Hochform auf. »Die Zweikämpfe mit Szymaniak und Šekularac im Mittelfeld waren eine Augenweide«, beobachtet der deutsche Journalist Hans Körfer, »der Jugoslawe spielte seine ganze Kunst aus. Unnachahmlich, elegant.« Mit dem Ball, einem Geschoss von Petar Radaković (86.), landet auch Šekularac im Tor und zerreißt vor Freude beinahe das Netz – ein Foto, das um die Welt geht. Die deutsche Wirtschaftswunder-Truppe, u. a. mit Uwe Seeler und Haudegen Willi Schulz, ist draußen. Jugoslawien muss sich im Halbfinale der Tschechoslowakei (1:3) geschlagen geben und wird am Ende Vierter. Šekularac wird nach seiner Rückkehr als Superstar der WM gefeiert und spielt im Sog dieses Erfolgs sogar in einer Filmkomödie mit. 

 

Fatales Black Out am Mittelkreis 


In der Folge bietet Juventus Turin für Šekularac rekordverdächtige 600.000 Dollar, auch Real Madrid ist an ihm dran. Doch die führenden Politiker im sozialistischen Staat Titos verweigern ihm einen Wechsel. »In diesem Moment«, erzählt Dragoslav Šekularac später in einem Interview, »ist etwas in mir zerbrochen.« Doch es kommt noch schlimmer. Im Herbst 1962 ist Šekularacs Karriere-Knick perfekt. Bei einem Liga-Spiel gegen Radnicki streckt er am Mittelkreis Schiedsrichter Pavel Tumbas nieder und wird für 18 Monate gesperrt. »Sekis« Karriere scheint beendet, bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hat. 

Als Šekularac den Roten Stern 1964 verlässt, bleiben viele enttäuschte Fans zurück. Zwei Jahre spielt er für den Lokalrivalen OFK, ehe er im Juni 1966 gegen Bulgarien sein 41. und letztes Länderspiel macht und anschließend in die deutsche Bundesliga flieht. Für den Karlsruher SC macht Šekularac in der Saison 1966/67 nur 17 Spiele. Der Serbe, so erzählt man sich in Baden noch heute, sei nie um Ausreden verlegen gewesen, um bei allzu hartem Training vorzeitig in die Kabine zu flüchten. Auch im nahe gelegenen Casino von Baden-Baden wird er des Öfteren gesichtet. Dass er nur ein Jahr später in den USA bei den St. Louis Stars anheuert, wundert zu diesem Zeitpunkt nur noch die wenigsten. Ab 1970 spielt »Seki« dann insgesamt fünf Jahre für Independiente Santa Fé und Millionarios Bogotá in Kolumbien – für seine Verhältnisse eine Ewigkeit. 

Auch als Trainer kann Šekularac das Image des »Wandervogels« nicht mehr ablegen. In Toronto bleibt er trotz aller Ankündigungen nur eine Saison, ehe er sich 2007 nach Belgrad ins Privatleben zurückzieht. Davor hat er u. a. Teams in Australien, Kolumbien, Spanien und den USA betreut und 1984/85 erfolglos versucht, die Nationalmannschaft Guatemalas zur WM nach Mexiko zu führen. Dafür gibt es 1990 die Versöhnung mit dem Roten Stern. Šekularac holt als Trainer das Double. 

Kritiker sehen in Dragoslav Šekularac einen der besten Spieler seiner Zeit, der jedoch zu oft Mannschaftsinteressen seiner eigenen Show opferte. Seiner immens hohen Popularität bei den Fans hat das allerdings nie geschadet. »Die Menschen in Serbien lieben ihn noch heute, auch wenn sie ihn nie spielen sahen«, erklärt Milan Bošković, Pressesprecher bei Roter Stern, dem ballestererfm das Phänomen Šekularac. Und wer viel Glück hat, kann »Seki« heute noch persönlich treffen. Bei den Heimspielen von Roter Stern auf der Tribüne des Marakana.                                     

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