Ein Scheich weniger
Es war einmal ein finanzkräftiger Sponsor aus dem Morgenland namens Khalid al Qassimi. Den gibt es jetzt nicht mehr, weil sein kurzzeitiges Engagement für Salzburg nicht mehr als ein Sommertheater für die Medien abgab. Finanzvorstand Gernot Blaikner soll bei einer Pressekonferenz gesagt haben »Wenn der Deal mit dem Scheich nicht klappt, dann wär’ ich ja ein Trottel«. So zitieren ihn die Salzburger Ultras, deren Spruchband nach dem misslungenen Geschäft lautete: »Der Scheich ging uns blieb der Trottel«. Das Wort »Trottel« war stilistisch dem ARAL-Logo nach empfunden, wo Blaikner in seiner Karriere vor Austria Salzburg Station machte. Allerdings wurde das Transparent kurz nach seiner Enthüllung vom Ordnerdienst im Stadion einkassiert.
Blaikner war es übrigens auch, der über den mittlerweile ebenfalls legendären spanischen Vermittler des Scheichs - einer seiner Namen lautet »Juan Pedro Benali« - sagte: »In Spanien haben die Fußballer verschiedene Namen. Ich bin aber überzeugt, dass alles stimmt, was Pedro uns erzählt hat«. Pedro hat Austria Salzburg wieder verlassen (weil eben nicht so alles gestimmt hat), Sportdirektor Didi Constantini ist auch nicht mehr mit von der Partie, die Politik des Klubs hat ihn offenbar verscheicht.
Last Exit Graz
»Es kann nicht sein, dass eine Minderheit gewaltbereiter Chaoten die Mehrheit der friedlichen Fans in Misskredit bringt. Hier muss künftig härter durchgegriffen werden, beispielsweise mit Stadionverboten«, sagte Salzburg-Spieler Heimo Pfeifenber¬ger nach dem Match in Graz am 23. August. Was war passiert? Laut ORF waren einige Salzburger Fans »offenbar so betrunken und so zornig wegen der Niederlage, dass ein Teil von ihnen versuchte, Absperrungen zu überwinden und auf Sturm-Fans loszugehen«. Anwesende berichten hingegen von einem extrem engen Mann-an-Mann-Gürtel vor dem Auswärtssektor, von Polizisten in Riot Gear, die nur wenige Zentimeter hinter ihren mitgebrachten Gittern mit bereits gezücktem Schlagstock auf die Fans gewartet hätte. Die Polizei wäre besonders aggressiv in Erscheinung getreten, habe die Fans auf engen Raum eingekeilt und jene, die etwa aus der Polizei-Kette hinaus und zu ihrem Auto gehen wollten, mit Nachdruck und Schlagstock daran gehindert. Die Stimmung sei schließlich eskaliert, Mitschuld trage das gewaltbereite Auftreten der Polizisten, so einige der Salzburger Auswärtsfahrer.
Die geforderten Stadionverbote ließen nicht lange auf sich warten. Die Bundesliga, die seit dieser Saison darüber entscheidet, wer hinein darf und wer nicht, trat in Erscheinung. Aber nicht aufgrund der Grazer Ereignisse, sondern zunächst wegen Vorfällen aus dem Frühjahr 2003. Zwei Salzburger Fans erhielten sechs Monate Sta¬dionverbot, gegen eine weitere Person wurde ein einjähriges österreichweites Stadionverbot ausgesprochen. Der Verein Austria Salzburg ließ verlautbaren, dass nach Graz »ca. zehn weitere Personen« bestraft werden würden. In Wahrheit steht allerdings das Chaos an der Tagesordnung, zumal ein Teil der angekündigten Stadionverbote Personen erteilt wurde, die noch in keiner Weise in Erscheinung getreten waren - laut Bundesliga-Statut soll es aber Stadionverbot nur für Wiederholungstäter geben.
Zudem werde das Schlagwort »Stadionverbot« von den Behörden gezielt eingesetzt, um viele Fans einzuschüchtern. So wären etwa Briefe gezeichnet vom Land Salzburg verschickt worden, an von der Polizei erfasste Fans, mit dem Inhalt, ihnen drohe bei Fehlverhalten ein Stadionverbot.
Mentalità ultrà
Durch die Vorgänge in Salzburg entstand kurzzeitig eine ungewohnte Allianz in der österreichischen Fanszene: Die Ultras Rapid erklärten sich mit den Salzburger »Kollegen« solidarisch. So geschehen am 31. August beim Heimspiel des SK Rapid gegen Kärnten. Auf der Westtribüne des Hanappi-Stadions wurde ein Spruchband entrollt auf dem der Slogan »Stadionverbote haben keine Vereinsfarben - Freiheit für Ultras« zu lesen war.
Aber die Maßregelungen seitens der Polizei und der Bundesliga sind nicht die größten Sorgen der Salzburger Ultras und Fans. Nach langem Hintanhalten des Präsidiums wurde Anfang September bekannt gegeben, dass das Heimspiel im UEFA-Cup gegen Udine in Linz ausgetragen wird. Grund dafür ist der von der UEFA forcierte Kunstrasen in Kleßheim, den die UEFA selbst nun für nicht Europacup-tauglich erklärt hat. Da die skurrile Entscheidung nicht angefochten werden konnte, kam der Vereinsführung als Notlösung die temporäre Verlegung eines Naturrasens im Salzburger Stadion in den Sinn. Das ebenfalls skurrile Vorhaben scheiterte aber laut Verein an den geschätzten Kosten von über 350.000 Euro. Gefrotzelt fühlen sich nun die Fans, die schon einige Tage vor der endgültigen Verlautbarung Bescheid über die Verlegung nach Linz bekamen. Allerdings nicht vom Verein selbst, sondern aus den Medien und dem italienischen Teletext, von den Stadionbetreibern in Linz, ja sogar Salzburger Politiker pfiffen es eher von den Dächern. Ins Haus stand ein Boykott des Spiels in Linz durch einen Großteil der Anhänger. Zu Drucklegung dieser Ausgabe wird die Partie, ob mit oder ohne Fankurve, schon gespielt sein.






erscheint am 6. Oktober 2010.
Abo bestellen