Mit Johnny Ertl im Plattenladen

Zur Europameisterschaft 2008 wird jedem ballestererfm die CD mit dem Titel »Lieber ein Verlierer sein« beigelegt. Die beiden Halbzeiten des in Zusammenarbeit mit FM4 und Las Vegas Records entstandenen Musiksamplers bestreiten jeweils österreichische und Schweizer Künstler.Johnny Ertl, der Austria-Verteidiger und Gitarristen der Combo »Ohne Lizenz«, wurde zum ersten Soundcheck gebeten.
Andreas Hagenauer | 01.04.2008
Für Musikbegeisterte sind Plattenläden sowohl Himmel als auch Hölle auf Erden. Einerseits der Ort, um Raritäten und Sammlerstücke aufzuspüren. Andererseits scheint die Versuchung, den Großteil seiner Freizeit und seines monatlichen Budgets zu investieren, nahezu unwiderstehlich. Schon Nick Hornby beschrieb dieses Gefühl in seinem Bestseller »High Fidelity«, einer Ode an den Recordstore von nebenan, wo der Charme der Musik beheimatet ist. Offenbar hat auch Johnny Ertl das Kultbuch gelesen: »Sehr gut. Dort fühlt man sich wie in »High Fidelity««, war seine erste Assoziation, nachdem er erfuhr, dass das Gespräch im Plattenladen »Rave Up« in der Hofmühlgasse in Wien VI stattfinden würde. Der Defensivallrounder von Austria Wien, seines Zeichens selbst Hobbymusiker, erklärte sich dazu bereit, einen genaueren Blick auf das erste musikalische Projekt des ballestererfm zu werfen. In Kooperation mit FM4 und Las Vegas Records wird es zur EM-Ausgabe (erscheint Mitte Mai) einen Sampler mit österreichischen und Schweizer Bands geben.

Die Auswahl an Interpreten, ein Querschnitt durch die gesamte »alternative« Musiklandschaft der beiden Länder, sorgt für Abwechslung. So ist von Hip-Hop (Wurzel5) über Reggae (Alschwil Posse) und Elektro (Clemens Haipl feat. Willy Kreuz, Kidney Loop) bis hin zu gepflegtem Deutschrock (SHY) und stimmigen Balladen (Christoph & Lollo) nahezu jedes Genre vertreten. Die EM 2008 fungierte zwar als Aufhänger, keineswegs aber als Vorgabe für die Künstler, und so trifft man textlich auf die eine oder andere Kuriosität. Neben einer Hymne gegen die verhasste Position des Tormanns und der musikalischen Frage, wo Fußballstadien noch keine Sponsorennamen haben, gibt es auch ein Loblied auf das Kopfballspiel zu hören. Besonders Letzteres weckte beim Gastkritiker erhöhtes Interesse: »Als gelernter Verteidiger bin ich auf das Lied »Kopfball« gespannt, der gehört ja zu einem meiner häufigsten Werkzeuge.« Dem schlussendlichen Urteil über den Song machten leider die schweizerdeutschen Sprachbarrieren einen Strich durch die Rechnung. Aber der locker leichte Reggae-Ska-Sound wusste zu gefallen.

Kickende Barden


Dass Johnny Ertl nicht selbst mit seiner Grazer Band »Ohne Lizenz« einen Beitrag für die Compilation leistete, daran ist wohl sein Hauptberuf schuld. Ohne die musikalische Motivation zu leugnen, spricht er vor allem die Problematik der doppelten Öffentlichkeit an: »Das Problem besteht darin, dass, wenn du nicht gut kickst, die Leute zu fragen beginnen, was du in deiner Freizeit abseits des Platzes machst. Und wenn dann zuerst die Band genannt wird, ist das nicht wirklich förderlich. Außerdem dient mir die Musik derzeit ausschließlich als Ausgleich zum Fußball und sollte kein zweites Standbein darstellen. Aber nach meiner aktiven Karriere: wer weiß?« Die Gruppe um den Steirer, deren musikalische Ausrichtung sich laut Ertl an den Sportfreunden Stiller und den Ärzten orientiert, hat jedenfalls ihre MySpace-Seite aufgelöst und wird in geraumer Zukunft wohl nur im engeren Bekannten- und Familienkreis spielen.

Dass die Profession »Fußball« auch ihre negativen Aspekte mit sich bringt, thematisiert auch die österreichische Popgruppe Christoph und Lollo in ihrem Song »Vermutlich kein Vergnügen« auf dem ballestererfm-Sampler. Seit ihrem Skispringer-Hit »Funaki« sind sie regelmäßig in Johnny Ertls iPod-Playlist vertreten: »Sowohl musikalisch als auch inhaltlich gefallen die mir sehr gut.« Aber ein Plattenladen wäre kein Plattenladen, wenn man so ohne weiteres seine Meinung öffentlich kundtun könnte. So hallte es von einer hinteren Ecke des Raumes: »Also hört's ma auf! Christoph & Lollo pock i überhaupt net.« Man quittierte es mit einem Lächeln, genoss den Flair zwischen Vinyl und Wahnsinn und drückte die Forward-Taste.

Neben Christoph & Lollo, Shy und der Elektro-Dance-Nummer mit Zitaten von Willy Kreuz (»Sehr witzige Idee«) schienen aber nicht alle Beiträge Ertl'sches »iPodential « zu haben. So wurde etwa Mieze Medusas »Andere Liga« mit schnellem Abnehmen der Kopfhörer und einem »Na, davon krieg ich Kopfweh!« kommentiert, und auch Kreiskys »Tormann« rief eher Stirnrunzeln denn Lobeshymnen hervor. Musik scheidet eben die Geister. Umso überraschender präsentierte sich aber das Urteil des deklarierten Rockfans und Gitarrenmusikers zum natürlichen Erzfeind Hip-Hop: »Also ich bin wirklich kein Hip-Hop-Fan, aber die zwei Nummern von den Schweizern gehen ins Ohr. Ich verstehe zwar sehr wenig, gefällt mir aber trotzdem.«

Super Mario und die Blau-Weißen aus Linz


Aber nicht nur die Hip-Hop-Nummern wussten zu überraschen, auch mit dem FM4- Ausschreibungsgewinner Kidney Loop schien sich musikalisches Neuland aufzutun. Zugegeben, irgendwo zwischen Happy-Sound, Elektro und einer defekten Nintendo-Konsole angesiedelt, erschien Track Nummer sechs des Samplers anfänglich ungewohnt. Aber nach der ersten »Ganz klar: Super Mario Brothers!«- Reaktion fand auch Johnny Ertl Gefallen an dem Ohrwurm.

Mit Verlauf des Gesprächs rückte die klassische Interview-Konstellation immer mehr in den Hintergrund, und das charmante Ambiente des Rave Up kam voll zum Tragen. Mit Co-Betreiber Rainer wurde über den Sinn bzw. die Sinnlosigkeit der Ersten Liga diskutiert und halblegendäre Hans-Krankl-Konzerte im Grazer Orpheum wieder aufgerollt. Aufgrund der Affinität des Shy- Sängers Andi Kump zu einem Verein aus Linz kam die Sprache alsbald auf die Blau-Weißen aus der oberösterreichischen Hauptstadt. Johnny Ertl erinnerte sich: »Das war immer etwas ganz Besonderes. Ich war froh, nicht rechts im Mittelfeld zu spielen, denn die Bierdusche wurde dort jedes Mal neu definiert.« Frei nach Christoph & Lollo vermutlich auch kein Vergnügen.

Das Tracklisting des ballestererfm-EM-Samplers:


SHY | Wo Fußballstadien keine Sponsorennamen haben
CHRISTOPH & LOLLO | Vermutlich kein Vergnügen
MIEZE MEDUSA & TENDERBOY | Andere Liga
CLEMENS HAIPL feat. WILLI KREUZ | 1978
KREISKY | Tormann
KIDNEY LOOP | Gib mir (Preben Elkjaer Larsen '84 Remix)
PLAY THE TRACKS OF | Absolute Fanlove
AERONAUTEN | Fußball
ALLSCHWILL POSSE | Kopfball
WURZEL5 | Lueg zu dim Bitz
3110-POSSE | So fiiire mir...
KREIDEMEZGER | Heilige (Euro08 Edit)
RADIO 200.000 | Nimm en im Muul (DJ Reedo RMX)
SCHOEDO | Gedanke zur EM

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Kommentare zu: Mit Johnny Ertl im Plattenladen

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