Unmittelbar nach dem Spiel bat Sara Carbonero vom leicht trashigen Privatsender Telecinco (aus dem Berlusconi-Stall) ihren Freund, Iker Casillas, zum Interview. Der konnte irgendwann nicht mehr an sich halten und gab ihr einen herzhaften Kuss. Diese perfekte Vorlage wurde vom Boulevard dankbar angenommen und das Happy-End des Turniers mit einer Prise Romantik gewürzt. Leider hat Casillas, der laut Recherchen englischer Medien wegen seiner Sara die Jabulanis meist nur wegfausten konnte, nicht mehr vor laufender Kamera um die Hand der Holden gebeten. Hat er aber nachgeholt, und so fährt Frau Carbonero ihren boulevardesken WM-Titel ein: sie wird vom Helden geheiratet.
Eine ganze Armada spanischer Prominenz weilte ebenfalls in Südafrika: Die royale Familie. Plácido Domingo, der sich übrigens in den späten 1950er Jahren in Mexiko erfolglos als Profikicker versucht hatte. Rafael Nadal, dessen Onkel Miguel Ángel Nadal stolze 62-mal für die spanische Selección auflief. Basketball-Superstar Pau Gasol von den L.A. Lakers, der in Sant Boi de Llobregat in der Nähe Barcelonas aufgewachsen ist. So wie der 2009 an Herzversagen verstorbene Espanyol-Verteidiger Dani Jarque, dem der finale Torschütze Andrés Iniesta seinen Treffer widmete. So mancher Prominente hatte also weit bessere Gründe ans Kap zu reisen, als die vielen Society-Reporter.
Seinen seltsamen Sinn für Humor stellte Joan Capdevila gegenüber der ohnehin gebeutelten Sara Carbonero offen zur Schau. Capdevila, als Linksaußen und Villarreal-Spieler die Rolle des Außenseiters gewohnt, trat mit Kübel auf dem Kopf und - angeblich alkoholfreiem - Bier in der Hand zum Interview an, war dann aber überhaupt nicht lustig. Den Kübel behielt er trotzdem auf. Wird er sich darüber ärgern, wenn er sich in 40 Jahren noch einmal die Bilder seines größten Triumphs vergegenwärtigt? Oder wird er selig grinsen?
Im Flugzeug nach Madrid übernahm dann wieder – wie vor zwei Jahren – Reservegoalie Pepe Reina das Partyzepter und gab es bis zum Schluss nicht mehr ab. Wer wirklich gute Nerven hat, kann sich das über acht Minuten lange Video, in dem Reina bei der offiziellen Feier in Madrid die gesamte Mannschaft vorstellte, geben. Dass Puyol und Piqué dem katalanischen Arsenal-Spieler Cesc Fabregas ein Trikot des FC Barcelona überstreiften, darf man als alkoholgeschwängerten Scherz sehen. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob der neue Barça-Präsident Rossell gewillt ist, für den verlorenen Sohn Fabregas zu tief in die Tasche zu greifen.
Vielleicht wäre Fabregas für Gerard Piqué, seinen Teamkollegen aus Zeiten der Barcelona-Jugendakademie, ohnehin kein guter Einfluss. Als die Mannschaft inklusive Betreuer im offenen Doppeldecker-Bus durch Madrid kurvte, alberte Piqué mit Fabregas, Puyol und Victor Valdes herum. Der Innenverteidiger dürfte schon ordentlich getankt haben und verfiel aus einer Laune auf die gute Idee, Ex-Valencia-Präsident und Verbandsdelegierten Pedro Cortés in hohem Bogen auf den Rücken zu spucken. Cortés sah es locker. »Ich war auch mal 20 Jahre alt«, gab er hinterher zu Protokoll.
Wie ein Weltmeister dürfte sich auch Trainersohn Álvaro Del Bosque gefühlt haben, der an Trisomie 21 (früher als »Down-Syndrom« bekannt) leidet. Er durfte auf dem Bus mitfeiern und erhielt schließlich aus der Hand von Regierungschef Zapatero den WM-Pokal, den er in Casillas-Manier triumphierend in die Höhe stemmte. Im Verlauf der Woche tourten die Teamspieler noch durch ihre Heimatstädte und –dörfer, Stadien und Straßen wurden nach ihnen benannt, Ehrenbürgerschaften verteilt. Das kennt man schon vom EM-Titel 2008.
Doch langsam baut sich der Ligaalltag wieder auf, vor den Spielern und den Fans. Die Vereine beginnen mit der Vorbereitung, die Präsidenten schauen besorgt in die krisengebeutelten Kassen, die Sportdirektoren transferieren entsprechend zurückhaltend. Und ein bisschen freut man sich schon auf die Saison, mit den portugiesischen Sympathieträgern Mourinho und Cristiano Ronaldo bei Real Madrid, David Villa, Messi, der halben spanischen Nationalmannschaft und Neo-Präsident Sandro Rossell beim FC Barcelona und all dem zu erwartenden Theater in der Primera División. Als Weltmeister darf man sich schließlich vier Jahre fühlen, als spanischer Meister nur ein paar Wochen.






erscheint am 6. Oktober 2010.
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