Lügen und Wahrheiten

bayern.jpg Der FC Bayern erfüllt viele Rollen. Für die einen ist er großes Vorbild, andere wiederum sehen in den Münchnern das Böse schlechthin. Gerd Dembowksi über seine persönliche Beziehung zum FCB, hilflose Kritik am Modernen Fußball und neue Sündenböcke wie Hoffenheim.
Gerd Dembowski | 05.05.2009
Es gibt Momente, in denen sich feststehende Wahrheiten verschieben. In der fortgeschrittenen Pubertät entschied ich mich gegen Bayern München. Auslöser war das Ferserltor des Algeriers Rabah Madjer, mit dem er im Mai 1987 in Wien das Meistercup-Finale gegen Bayern und für den FC Porto entschied. Bis dahin symbolisierte der FC Bayern meine Klugscheißerei mit der einfachen Wahrheit, dass am Ende – mögen sie noch so schwach gespielt haben – immer die Bayern gewannen. Was hatte mein Schalke-geprägtes Fußballumfeld leiden müssen, als der FCB 1984 das Wiederholungsspiel im DFB-Pokal-Halbfinale nach dem denkwürdigen 6:6 und der Fußballgeburt des fantastischen Olaf Thon langweilig gewann. Schön spielen und vermeintliche Emotionen binden, das konnten die Schalker gern behalten. Den Sieg – und bald auch Olaf Thon – trugen die Bayern davon.

 

In der Sekunde von Madjers Hackentrick für Porto jedoch traf mich die Realität an einer empfindlichen Stelle. Mein ausgewaschenes rotes Trikot mit Magirus-Deutz- Aufdruck zog ich eine Woche lang nicht aus und schlenderte gesenkten Kopfes durch die Straßen einer Bergbaustadt. Nicht den Schmerz verdrängen, sondern ihm in die Augen sehen wollte ich. Ich verstand, dass nichts für die Ewigkeit hält. Und dass Menschen Dinge wie Gott oder das Streben nach Geld und Eigentum erfinden und dabei innerlich zugrunde gehen. Ich verstand, dass es selbstgerecht und langweilig ist, immer für die Sieger zu sein, dass vor allem aus Niederlagen gelernt wird zu leben. Um mehr von Verlierern zu lernen, musste ich den FC Bayern verlassen.

 

In Kindertagen waren die meisten meiner Freunde entweder Fans des Hamburger SV oder eben des FC Bayern. Man ging mit dem Erfolg, und auf der jugendlichen Suche nach einem Platz in der Welt ist das bei vielen bis heute so. Hinzu kam eine breite Ablehnung gegenüber den Bayern wegen ihrer Spielweise, ihres Geldes und der daraus resultierenden Einkaufspolitik. Erstmals sichtbar geworden 1980 am Kauf des Gladbache Stürmers Kalle del’Haye für die damalige Rekordsumme von 1,3 Millionen Mark. Del’Haye setzte sich in München nie durch und wurde zum Synonym für den Vorwurf, die Bayern würden ihre Finanzen missbrauchen, um ihren Konkurrenten wichtige Spieler wegzukaufen. Die Lager spalteten sich in Bayern-Fans und die über Fußballgrenzen hinaus existierende Masse derjenigen, die Bayern und besonders ihren Manager Uli Hoeneß als seelenlose Kommerzialisierungsmotoren hassten. Es gab einen Sündenbock für den Weg, den andere deutsche Vereine auch gingen – je nachdem, ob ihnen die Mittel dafür zur Verfügung standen.

 

Diese Sündenböcke sind nicht ausgestorben. Bayern steht weiterhin hoch im Kurs, seit dem Erfolg von Hoffenheim entlädt sich die fanlagerübergreifende Kritik aber vor allem auf TSG-Mäzen Dietmar Hopp. Während Düsseldorfer Fans auf einem Banner reimten »Dass dich keiner leiden kann, stand nicht in deinem Businessplan«, malten Dortmunder Fans ein Fadenkreuz auf Hopps Konterfei. Ausgerechnet die Dortmunder, die sicher viel mehr Geld verbrannt haben, als Hopp bislang in Hoffenheim investiert hat. Die Kritik an Hopp ist ein Paradebeispiel dafür, wie negative Auswüchse des Fußballs ganz und gar nicht bei ihrer kapitalistischen Wurzel gepackt werden. Hinter der Erfindung von Tradition und armselig aufrechterhaltene Identitäten der Hoffenheim-Gegner verbirgt sich eine konservative, regressive, ja alternativlose Hilflosigkeit, bis hin zu Neid und dem verkrampften Wunsch nach vermeintlich »ehrlichem, authentischem« Erfolg – zurechtgeschobene Kategorien, mit denen man sichselbst belügt. Mit solchem Widerstand wird sich ein kommerzialisierter Fußball noch lange erhalten können. Und die Bayern obenauf.

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Heft: 42
Rubrik: Thema

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